Die touristischen Seiten von Danzig - besser Abstand halten

 Heute will ich mich nach dem Aufstehen, wie von Lewis empfohlen, zum Danziger Museum über den zweiten Weltkrieg begeben.

Auf dem Weg dorthin laufe ich an einem Monument vorbei, dass sicherlich irgendeine historische Relevanz hat. Viel interessanter finde ich allerdings eine englischsprachige Touristenführung an der ich vorbeikomme. In meinem Vorbeilaufen höre ich die Führerin in etwa sagen "So wichtig ist die deutsche Invasion ja nicht, weil wir dürfen nicht vergessen, dass die Russen uns auch angegriffen haben".
Ich will eigentlich kurz stehen bleiben und etwas in die Richtung von "Glory to comrade Stalin" sagen, halte mich dann allerdings doch zurück.

Direkt dahinter ist dann auch schon das Museum, zu dem ich heute gehen möchte. Als ich davor stehe, höre ich sehr viel Englisch und Deutsch und frage mich, in welcher Touristen-Ecke ich hier angelangt bin. Ich entscheide mich erst einmal dazu etwas zu frühstücken.

Dazu gehe ich genau den selben Weg wieder zurück und suche auf Google Maps den naheliegendsten Zabka. Hier kaufe ich mir ein Baguette mit scharfem Hähnchenfleisch.
Während ich esse, schaue ich einmal über die Straße, wo mir ein weiteres Monument auffällt - ebenso wie ein kleiner Weihnachtsmarkt, den ich aber gepflegt ignoriere, um direkt dahinter in den Bereich des Hafens zu kommen.

Hier kaufe ich mir als erstes 3 Postkarten und 2 Shot Gläser. 

Der Hafen ist ganz unterhaltsam: Innerhalb kürzester Zeit fahren an mir ein altes Schiff aus Holz vorbei und eine kleine Yacht mit einem Weihnachtsmann.

 

Touristisch ist es zwar auch hier, aber hier möchte ich nun erst mal den Hafen entlang laufen. Am Ende des Hafenbeckens ist eine Klappbrücke für Fußgänger und als ich ankomme, ist diese gerade oben und wird gleich wieder nach unten gefahren. Es ist extrem voll mit Menschen vor der Brücke und zu Beginn sind viele mit dem Konzept der "zweispurigen" Brücke verwirrt.

Auf der anderen Seite ist ein Museumsschiff - das wohl erste nach 1945 in Polen gebaute. Ich dachte zuerst, dass das Museumsschiff kostenlos ist. Als ich allerdings die ersten 3 Stufen hinauflaufe, lese ich, wo ich mir ein Ticket kaufen soll. So interessiert bin ich nicht und gehe weiter. 

Nächster Themenpunkt: Mein Freund aus Vilnius fragt mich, wie ich eigentlich nach Vilnius komme und um welche Uhrzeit - damit er mich abholen kann. Eigentlich hatte ich noch gar nicht vor, mich schon jetzt damit zu beschäftigen, aber ihm zur liebe tue ich das mal.

In der DiscoverEU App sehe ich, dass die Züge wirklich scheiße fahren und ich quasi schon in der Nacht aufstehen müsste, um mit dem Zug nach Vilnius zu kommen, also schaue ich in der Flixbus App, um dort einen Bus nach Vilnius zu finden. Also: Morgen erst einmal ein Zug zurück nach Warschau und dann um 12:00 Uhr für 8 Stunden mit dem Flixbus nach Litauen. Problem: Irgendwie schlägt die Bezahlung per PayPal immer wieder fehl. Ich will es eigentlich im Hostel per Laptop noch mal probieren, entscheide mich schlussendlich aber doch dazu, gänzlich mit dem Zug zu fahren. Nun stoße ich allerdings auf ein weiteres Problem: Ich kann mit der DiscoverEU App aus irgendeinem Grund keine Sitzplatzreservierung mehr buchen - die ist allerdings laut App sowohl für den Zug von Warschau nach Mockava, wie auch von Mockava bis Vilnius notwendig.
Also auch hier: Ein Problem für den Laptop im Hostel. Aber jetzt geht es doch erst mal wieder auf zum Museum - denn dafür bin ich ja heute aufgestanden.

Auf meinem Rückweg mache ich noch ein paar Bilder von einem kleinen Kanu im Hafen mit vielen Weihnachtsmännern, die lustige Weihnachtsmusik hören. Auch ein deutsches Ehepaar steht neben mir, als wir auf der Klappbrücke warten. Ich beschäftige mich allerdings lieber mit dem Versuch, einen entdeckten "White Lives Matter"-Sticker abzupulen -  ohne Erfolg.

Vor dem Museum entdecke ich dann noch einen Mixmarkt. Ich wusste gar nicht, dass es Mixmarkt in Polen gibt. Natürlich muss ich hier einen Blick hineinwerfen und mir einen kleinen Snack für heute Nacht besorgen. Ich nehme mir eine kleine Tüte Малютки (Maljutki) mit. Darin sind mittelgroße Lebkuchen. Die Kassiererin war eine junge und freundliche Dame. Wahrscheinlich wäre hier der allerbeste Ort gewesen, um mal ein paar Worte auf Russisch raus zuhauen. Aber ich habe mich dann beim Bezahlen doch für Nummer sicher entschieden und bin beim Englischen geblieben.

Nur ein paar Meter weiter ist dann schon das Museum. Ich gehe hinein und bin erst mal leicht verwirrt: Ich checke nicht ganz, wo man sich ein Ticket kaufen kann. In meiner Schüchternheit gehe ich wieder heraus mit dem Ziel in ein paar Minuten mit neuem Mut noch mal einen Versuch zu starten. Ich setze mich draußen auf eine Bank und warte erst einmal. Zum Schluss entscheide ich mich doch, lieber zum Bahnhof zu gehen und nun die Sitzplatzreservierung für meinen morgigen Zug zu bekommen. 

 

Auf meinem Weg zum Bahnhof stolpere ich über einen Polen, der mich nach einer Zigarette fragt. Ich versuche ihm zu signalisieren, dass ich nicht rauche. Irgendwie schaffen wir es ohne irgendeinen kommunikativen Mehrwert 1-2 Minuten die selbe Sache auf Englisch und Polnisch bzw. mit Zeichensprache immer wieder das selbe zu sagen.

Am Bahnhof gehe ich als erstes in die Unterführung. Dort sehe ich auch einen kleinen Schalter mit 2 Damen die dort arbeiten und einigen Kunden die anstehen. Ich suche an meinem Handy noch kurz meine Verbindung heraus, um diese den Angestellten zu zeigen und stelle mich dann in die Reihe.
Der Herr vor mir spricht mit der Dame auf Englisch und ich hoffe, auch diese Dame als meine "Bedienung" zu bekommen. Denn die beiden Damen sind nicht allzu jung und ich weiß nicht, wie sicher ich mit der anderen auf Englisch kommunizieren könnte. Aber ich muss schlussendlich zur "Unbekannten".
Das Englisch ist gar nicht das Problem. Sie sagt mir aber etwas in die Richtung von "Seat reservation not yet" - zumindest ist es das was ich verstanden habe. Sie zeigt in eine Richtung. Ich bin mir relativ sicher, dass sie mir damit sagen möchte, wohin ich gehen soll. Als ich noch mal nachfrage wirkt sie zu ihrer leicht genervten Grundstimmung noch etwas genervter. Ich gehe grob in die Richtung in die sie gedeutet hat und interpretiere es als ein "mich loswerden wollen". Ich suche etwas in der Gegend herum, finde aber keinen Ort, wo ich sonst über einen Menschen ein Ticket bekommen könnte, also trete ich den Rückweg zum Hostel an.

Hier setze ich mich dann mit meinem Laptop in den Gemeinschaftsraum und versuche über alle Plattformen von der Tschechischen Bahn (CD) über die DB und die für mein Problem logisch klingende Option PKP (Polnische Bahn) ein Ticket zu bekommen.
Die DB listet die Route gar nicht; die CD will mir nichts mehr für diese Route verkaufen und bei der PKP bekomme ich nur für 35 Euro das ganze Ticket. Eine einfache Sitzplatzreservierung bekomme ich nirgends.

In den Untiefen der PKP Websites finde ich dann noch die Information über alle Informations- und Ticket-Büros in allen größeren Bahnhöfen. Angeblich gibt es noch mehrere andere Büros der PKP im Bahnhof von Danzig, die auch noch einige Stunden geöffnet haben. Ich mache mich also wieder auf den Weg zum Bahnhof.

Als erste gehe ich wieder in den Tunnel, wo ich auch vorher war, wo die 2 Damen arbeiteten. Ich spaziere etwas entlang aller Gänge des Tunnels und entdecke auch mehrere verglaste Wände an denen PKP stand. Nirgends gingen die Türen auf und ich hatte riesige Angst, dass das Büro geschlossen ist.
Als ich aus dem Tunnel hinaus ging, entdecke ich die Tür in das Bahnhofsgebäude hinein - das ist schon mal sehr vielversprechend. Und ja: Darin ist ein PKP-Ticketschalter mit etwa 4-5 Mitarbeitern, die Tickets verkaufen. Ich stelle mich an.

Als ich an der Reihe war, beginne ich auf Englisch meinen Wunsch zu artikulieren. Als ich fertig bin, sagt die Dame mir, dass ich bei ihr auf Englisch nicht weit komme und weist mich wieder mal in eine Richtung. Sie sagt mir, ich solle nach links durchgehen.
Darunter verstehe ich zunächst, am benachbarten Schalter anzuhalten. Wahrscheinlich spricht ihre Kollegin Englisch. Die Dame deutet aber weiter nach links, sodass ich bis ans Ende der Ticket-Schalter Reihe gehe. Kommt hier gleich jemand für mich?

Nach ein paar Sekunden verstehe ich, dass es hier hinter noch ein weiteres Büro gibt.
Hier fühlt es sich auch deutlich angenehmer an. Es sind nicht mehr die alten Ticket-Schalter mit polnisch-sowjetischem Charme, sondern es ist vielmehr ein gemütliches Reisebüro mit Sitzmöglichkeiten.
Es sitzt hier gerade eine einzelne Mitarbeiterin, die sich um eine polnische Reisegruppe kümmert. Kurz darauf kommt ein weiterer Mitarbeiter, zu dem ich mich setze.

Meine erste Frage: "Do you speak English?", welche er glücklicherweise bejaht. Ansonsten hätte ich nun auch nicht mehr weitergewusst. In sehr gutem Englisch tauschen wir uns darüber aus, dass ich eine Sitzplatzreservierung brauche.
Zunächst hat er Zweifel daran, dass eine einfache Sitzplatzreservierung überhaupt möglich ist. Dann zeige ich ihm mein Ticket - er versteht, dass ich ein Interrail Ticket habe und auf einmal scheint eine Sitzplatzreservierung doch im Rahmen des möglichen zu sein.

Er druckt mir das Ticket aus und erklärt alles sehr freundlich - und markiert sogar die für mich wichtigen Informationen (Wagon und Sitzplatznummer) auf der Reservierung.
Dank dieses großartigen Services bedanke ich mich mehrmals bei ihm und gehe ich mit einem risen Lächeln aus dem Büro hinaus wieder Richtung Hostel.

Hier angekommen schreibe ich erst mal ein bisschen an den Berichten der Vortage für diesen Blog. Denn selbst obwohl ich mir eigentlich vorgenommen habe, mir jeden Abend 30-60 Minuten Zeit zu nehmen, um kurz etwas über den jeweiligen Tag zu schreiben, passierte das bisher quasi gar nicht.

Aber ich habe für heute ja noch ein Mission, die ich mir nach meiner ersten Tour über den Weihnachtsmarkt vorgenommen habe: Am Stand mit Currywurst, Kinder- und Apfelpunsch - alles in deutscher Beschriftung - einen Apfelpunsch trinken. Der erste meines Lebens.

Am Stand bestelle ich dann auch einen Apfelpunsch auf Englisch aber bewusst mit dem Wort Apfelpunsch so Deutsch wie möglich ausgesprochen.
Ich werde dann gefragt, ob ich lieber einen Papierbecher für 5 Zloty (1€) oder eine Tasse für 35 Zloty (8€) haben möchte. Becher und Tassen auf Weihnachtsmärkten und im McDonalds erfüllen nur den Zweck des Diebstahls - und da ich nicht wirklich wusste, ob in meinem Rucksack noch genug Platz für einen Becher sein wird, habe ich mich für den Papierbecher entschieden - trotz der Verärgerung darüber, für einen 5 Cent Papierbecher einen ganzen Euro bezahlen zu müssen.

 

Den Taste-Test übersteht der Apfelpunsch bei mir nicht. Warmer Apfelsaft mit alkoholischer Duftwolke darüber, die mich einfach nur zum Husten bringt. Es ist quasi guter Apfelsaft gepaart mit einem starken Alkoholgeschmack. Kann das irgendwem, abseits von Alkoholikern, schmecken? Und auch bei Alkoholikern würde ich mir bei dem Preis über deren finanzielle Vernunft Gedanken machen.

Ich ziehe noch mal ein paar Runden durch den Weihnachtsmarkt, ehe ich mich wieder in die Altstadt verziehe, wo ich mir bei Zabka noch ein Eis kaufe.
Ich will nicht wirklich zurück ins Hostel. Ich muss um 3 Uhr das Hostel verlassen, um zu meinem Zug zu kommen. Es scheint mir etwas logischer, die Nacht durchzumachen, als jetzt 3 Stunden zu schlafen und dann mitten in der Nacht alle mit meinem Wecker aufzuwecken.

In der Altstadt begegne ich 2 Limousinen - einer weißen und einer schwarzen. Ganz offensichtlich ziehen die Limousinen nicht nur meine Blicke, sondern auch die vieler weiterer Passanten an. (Chronologisch vor Zabka-Einkauf)

 Meine Reise geht weiter: Zunächst nochmal ein Exkurs zum Bahnhof, den ich scheinbar nicht oft genug besuchen kann. Danach einfach wieder in Richtung Hostel, aber dieses Mal auf der anderen Straßenseite und deutlich am Hostel vorbei. Denn mir kommt eine Idee: Ich möchte eigentlich noch irgendwo eine Münze ins Wasser werfen. Die Mall mit Teich in der Nähe meines Hostels hat jetzt leider schon zu.
Ich werde leider in dieser Nacht auch nicht mehr fündig.

 

Irgendwann biege ich dann ein, wieder auf die richtige Straßenseite und Richtung Hostel. Ich komme noch an einer Kirche vorbei und an einigen Jugendlichen, die wohl gerade leicht alkoholisiert vom Feiern kommen. Zurück im Hostel kommt auch bald ein neuer Gast in mein Zimmer. Ich höre, wie er mit dem Personal Englisch spricht - ein Grund für mich, ihn bei Gelegenheit mal anzusprechen. 

Aber kurz nach seiner Ankunft kommt noch jemand an: Ein älterer Herr. Er unterhält sich einige Zeit mit der Person, die im Bett über mir liegt.
Aber als die beiden endlich zur Ruhe kommen, gehe ich aus meinem Bett und mache vor dem Bett des Neulings halt und frage ihn, wo er herkommt: England. Wow, Polen scheint mit Engländern infiziert zu sein. (Es gibt natürlich auch viele Deutsche. Auf dem Weihnachtsmarkt habe ich etwa auch einiges an Deutsch gehört.)

Auch der Typ aus dem Bett über mir steigt ins Gespräch mit ein. Die beiden kommen ziemlich schnell auf das Thema Fußball, wo ich dann komplett raus bin. Ich gebe noch mein bestes, mein Wissen über die Rivalität zwischen dem HSV und St. Pauli einzubringen, aber das war's dann auch schon.
Als wir über das berufliche Reden, empfielt der Engländer, der auch als Software Engineer arbeitet, mich bei dem Consulting-Unternehmen Accenture zu bewerben.

Scheinbar reden wir für die Uhrzeit zu laut, denn wenig später kommt der Hostel-Betreiber in das Zimmer und fordert uns auf leiser zu sein. Das versuchen wir auch umzusetzen und sprechen noch etwas übers Sprachen Lernen in unseren jeweiligen Schulen - scheinbar immer noch zu laut, denn wir werden erneut aufgefordert, leiser zu sein. Also stellen wir unsere Gespräche ein und ich ziehe mich in mein Bett zurück, wo ich die nächsten Stunden damit verbringen werde, etwas YouTube zu gucken und zu warten, bis die Abfahrtzeit meines Zuges Richtung Warschau und von dort nach Vilnius näher rückt.

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