Auf nach Litauen - Eine Zugreise von Danzig nach Vilnius

Um etwa 3 Uhr nachts stehe ich leise aus meinem Bett auf und nehme mein Waschzeug und Unterwäsche - so leise wie möglich, um niemanden im Raum zu wecken. Damit will ich nun, bevor ich zu meinem Zug gehe, noch einmal duschen.
Angesichts der Reaktion des Betreibers gestern Abend und der Hellhörigkeit des Hostels bin ich mir unsicher, ob der Betreiber damit einverstanden sein wird, wenn ich nun duschen gehe. Denn wie jede Nacht sitzt er auch in diesem Moment an der Rezeption und "passt auf".

Mit meinem Waschzeug in der Hand, in seien Richtung verdeckt gehe ich Richtung Toilette/Dusche und schließe die Tür hinter mir ab.
Beim Duschen fällt mir auf: Ein Kaugummi auf dem Fußboden neben dem Abfluss. Wie lecker. Zum Glück bin ich ja gleich aus diesem Hostel, über das ich mich im großen und ganzen eigentlich doch nicht beklagen kann, raus.
Während dem Duschen bin ich leicht angespannt - nicht dass ich gleich noch gebeten werde, das Duschen abzubrechen. Dazu kommt es aber nicht.

Danach packe ich dann noch leise meine letzten Sachen bei mir vom Bett in meinen Rucksack. Ich schnalle meinen Rucksack auf und bin bereit zur Abreise. Ich gebe den Schlüssel noch an der Rezeption ab, ehe ich auf und davon ziehe.

Vor dem Bahnhof angekommen schaue ich mir noch den Ticketautomaten für Tickets im Nahverkehr an. Was mich überrascht: Er ist nicht nur mit "Bilety" und "Tickets", sondern auch mit "Fahrkarten" beschriftet.
Eigentlich wollte ich hier schauen, was mich denn Karten im Nahverkehr gekostet hätten, hätte ich sie denn während meines Aufenthalts in Danzig benutzt. Das gelingt mir aber nicht.

 

Im Bahnhof selbst schaue ich erst mal auf die Informationsbildschirme um mich zu vergewissern, wann mein Zug abfährt und dass er überhaupt abfährt - und auf welchem Gleis. Alles nach Plan und ich habe noch einiges an Zeit übrig.

Ich schaue noch etwas im Bahnhof umher und sehe große Schwarz-Weiß-Fotografien, wie der Bahnhof zu deutscher Zeit aussah. Quasi identisch, lediglich mit dem Unterschied, dass die Beschriftung auf Deutsch statt auf Polnisch war. 

 

Am Bahnsteig auf den Zug wartend gibt es nicht viel zu tun. Überraschenderweise ist der Bahnsteig aber doch relativ gut gefüllt. Zwar steigen einige auch in den Zug Richtung Praha (Prag), der kurz vor meinem Zug nach Warschau eintrifft, aber die Mehrheit der Gäste möchte doch scheinbar in denselben Zug wie ich.

Wieder war es ein modernerer von der Sorte, die ich eigentlich nicht so gerne mag, da ich das Gefühl habe, dass die älteren Züge mit 6er Kabinen die sozialen Interaktionen steigern. Aber an diesem Morgen - oder besser gesagt Nacht, denn es ist ja erst 4 Uhr - kann ich mich wohl nicht beschweren, isoliert für mich zu sitzen und meine Ruhe zu haben.

Zwar bin ich fest der Überzeugung, dass ich es bis zum Warschauer Bahnhof "Warszawa Wschodina" schaffen werde, nicht einzuschlafen, aber dabei habe ich mich dann wohl letztenendes doch überschätzt und schlafe irgendwann ein.

Zu meinem Glück und Schock zugleich, schaffe ich es irgendwie - und an dieser Stelle sei Gott gedankt - perfekt aufzuwachen, als wir an meinem Zielbahnhof zum Stehen kommen und die Gäste aussteigen. Ich bin sehr irritiert und nachdem ich mich nochmal versichert habe, dass ich hier tatsächlich raus muss, nehme ich schnell meine Sachen und sprinte aus dem Zug.
Ich bin mir unsicher, ob es zeitlich möglich gewesen wäre, versehentlich bis zum Hauptbahnhof mitzufahren und dann rechtzeitig für meinen Anschlusszug wieder an diesen Bahnhof zurückzukehren.

Na gut, es ist ja nun zum Glück alles gut gegangen. Ich habe einiges an Umstiegszeit, die ich dafür nutzen möchte, mich etwas umzuschauen und ggf. ein wenig Frühstück einzukaufen. Denn für die nächsten 8 Stunden wird sich dafür keine Gelegenheit mehr finden lassen.
Als ich aus dem Bahnhof spaziere, frage ich mich ein wenig, wo ich bin. Vor mir gefühlt 300 Meter Parkplatz mit anschließend 10 Spuren Straße - dahinter ein ewig langer Häuserblock, aber sonst relativ totes, unbelebtes Land.
Es erinnert etwas an ein Entwicklungsgebiet, wie man es etwa in China finden kann - Infrastruktur, die schon mal gebaut wurde, damit hier zukünftig Stadtentwicklung stattfinden kann. Aber das gepaart mir amerikanischer Fußgängerfeindlichkeit.

 Zwecks Alternativlosigkeit gehe ich in Richtung Häuserwand. Und auch hier: Nahezu null Menschen, die mir begegnen.
Am Ende der Wand sehe ich einen Zabka - meine Rettung für mein Frühstück.

Ich kaufe mir einen Energy- und einen Schoko-Drink. Das wird mich niemals durch den Tag bringen, aber ich mache mal meinen mentalen Zustand (Schlafmangel und Überraschung beim Ausstieg) für meine Mangelwirtschaft verantwortlich.

Zurück im Bahnhof will ich noch mal auf Toilette gehen - entscheide mich aber deshalb dagegen, weil die Toiletten kostenpflichtig sind.

Am Bahnsteig angelangt wird dann auch schon - auf Polnisch und Englisch - die Wagenreihung mehrfach angesagt. Ich verstehe kein Wort und bleibe an Ort und Stelle stehen, um dann bei Einfahrt des Zuges schnell zu meinem richtigen Wagon zu eilen.

Genau an meinem Platz ist irgendeine stinkende Flüssigkeit ausgelaufen, in die ich natürlich voll rein laufe. Später, an einem Bahnhof mit längerem Aufenthalt, wird sie vom Bahnhofspersonal für Reinigung weggewischt.

 Auf der Fahrt, auf der ich wegen meiner zu geringen Verpflegung relativ hungrig bin, fällt mir mit der Näherung an die belorussische, dann litauische Grenze auf, dass die Modernität, die mich zuvor in Polen etwas überrascht hat, verfliegt. Es gleicht sich alles mehr und mehr an die Szenerie an, die ich aus den Videos von Bald and Bankrupt aus Belarus kenne. Ein schönes Gefühl - denn genau das wollte ich sehen.

 Kurz nach dem Grenzübergang nach Litauen müssen wir in Moscava umsteigen. Nach etwa einer halben Stunde kommt ein Zug, der auf litauischer Spurweite fährt.
Überraschend im Zug: Der ist super modern, während die Landschaft draußen weiterhin eher an die verarmten Dörfer Belarus' erinnert. Ob das was mit dem Imperialismus der EU - auch im Baltikum - zutun hat? Nur wirtschaftlich profitable Infrastruktur wird ausgebaut.

 

 Ansonsten verläuft die Reise reibungslos. Ich bekomme schon im Zug einen Geschmack dessen, was ich in Vilnius zu erwarten habe: Der Zug ist sprachlich relativ durchmischt mit Litauisch und Russisch.

Am Litauer Bahnhof angekommen finde ich erst mal einen sehr überfüllten Bahnhof vor. Hier wird gerade ein Live-Konzert gespielt.
Als ich aus dem Bahnhof herausgehe, will ich auf Google Maps mein Hostel aufrufen, um zu sehen, welchen Weg ich genau gehen muss.
Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund funktionieren meine mobilen Daten nicht und ich sehe keine Route. Zum Glück habe ich noch mit dem WLAN des Zuges auf Google Maps gesehen in welche Richtung ich muss. Mein Hostel ist auch an einem ziemlich markanten Ort. Ich kann also schon mal in die richtige Richtung laufen, während ich mein Internet-Problem mit einem Neustart zu beheben versuche.

Das hilft zum Glück und ich finde mein Hostel doch noch relativ gut. Mit meinem jahrelangen Freund aus Vilnius habe ich abgesprochen, mir anderthalb Stunden zu geben, um zu Duschen, bevor wir uns zum ersten Mal im Leben sehen - und überhaupt abseits von Textnachrichten kommunizieren.

Aber so viel wie eine Dusche soll mir nicht eingeräumt werden: Am Hostel angelangt werde ich mit einer verschlossenen Tür begrüßt, die ich einige Zeit versuche zu öffnen - vergeblich.
Ich laufe einmal um das Hostel herum, in der Hoffnung einen Hintereingang zu finden, durch den ich reinkomme - wieder vergebens.

Nochmal vor dem Haupteingang stehend habe ich etwas mehr Glück: Ein anderer Gast lässt mich hinein.

An der Rezeption warte ich eine halbe Minute auf einen Mitarbeiter, ehe ein weiterer Gast mich darauf hinweist, dass niemand kommen wird.
In meiner Verwirrung rät er mir dazu, mir einfach ein freies Bett zu suchen und zu warten, bis ich es mit dem Personal am nächsten Tag klären kann.

Ich stelle meinen Rucksack erst einmal in ein Zimmer mit 2 Betten, bin mir aber unsicher, ob das die beste Idee ist, oder mein Rucksack dort eventuell eingeschlossen wird. In einem anderen Raum mit 5 Betten treffe ich auf eine andere Person, die ich danach frage, wie der Check-In normalerweise funktionieren sollte. Er erklärt es mir und wir finden beide heraus, dass wohl etwas schiefgelaufen ist. Ich nehme mir unten von der Rezeption einen der Schlüssel für das 5er Zimmer und ziehe um.

Zeit zum Duschen ist nun nicht mehr. Ich mache mich auf den Weg zum gegenüberliegenden Weihnachtsmarkt, wo ich meinen Freund treffen möchte.

 

 Er begrüßt mich mit dem wohl herzlichsten und glücklichsten Lächeln, dass ich jemals gesehen habe.

Mein Freund führt mich etwas durch die Stadt und zeigt mir erst mal die Fakultät seiner Uni in der er studiert und fragt mich immer wieder, was ich mir vorgenommen habe; was ich in Vilnius sehen möchte. Zu seiner Enttäuschung hat sich meine Fähigkeit, Dinge zu planen auch zu diesem Zeitpunkt nicht verbessert und ich habe keine Ahnung. Ich möchte genau so ahnungslos durch die Gegend laufen, wie ich es schon meine ganze vorige Reise getan habe.

Wir kommen irgendwann in einem moderneren Teil der Stadt in einer Mall an, wo wir uns hinsetzen und einen Kaffee/Kakao trinken.

Nachdem wir fertig sind, wird mein Freund von seinen Freunden mit dem Auto abgeholt - ich laufe zurück zu meinem Hostel.
Dabei komme ich an einem großen Platz vorbei, auf dem die Fahne der Stadt weht.

Zurück im Hostel gehe ich auf mein Zimmer und will nur noch etwas entspannen und dann schlafen.
Ein Herr, vielleicht 40 Jahre alt, ist im selben Zimmer wie ich einquartiert. Er kommt aus Bulgarien und wir sprechen auf Englisch - wobei ich ihn kaum verstehe, weil sein Englisch sehr gebrochen ist.

Seine Aufgabe ist wohl ein Erasmus-Projekt zu Medien/Journalismus. Er erzählt mir auch davon, dass er in Sofia mehrere Wohnung hat und auch eine am schwarzen Meer. Ich solle doch dort hin, um eine Freundin zu finden. 

Irgendwann kommen wir auf Russisch zu sprechen und er erzählt mir, dass viele Menschen in Bulgarien Russisch sprechen. Als ich ihm sage, dass ich auch ein wenig Russisch verstehe, fängt er an, fließend auf Russisch zu reden. Leider muss ich ihn enttäuschen und wir wechseln zurück auf Englisch, ehe ich noch eine Email an das Hostel-Personal über meine Schlafsituation schreibe und dann schlafen gehe.

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